Wochenende in Piesport an der Mosel: Weinverkostung und Sterneküche

Blick auf Piesport aus dem Steilhang mit der Spitzenlage Goldtröpfchen.

Alle Jahre wieder fahren wir mit Peters Studienkumpels und deren Frauen zur Weinprobe. Alle Jahre wieder kümmert sich eines der sechs Paare um die Organisation. Jetzt schon zum 22. Mal! Eine klasse Sache, sich solche Traditionen zu schaffen, die verbinden. Und nur auf diese Weise kriegen wir es überhaupt hin, uns zumindest ein mal im Jahr mit der ganzen Truppe zu treffen, deren Wohnorte quer durch die Republik verstreut liegen. Selbst mehrjährige Auslandsaufenthalte einzelner Beteiligter haben uns nicht davon abgehalten. Über Wein haben wir in der Zeit viel gelernt, manches Anbaugebiet kennengelernt und der Standard von Übernachtungen und Restaurants ist über die Jahre auch gestiegen. Diesmal ist Piesport an der Mosel an der Reihe.Ein Wochenende in der Vorweihnachtszeit, Freitagabend: Anreise ins Hotel Schanz in Piesport. Als Bonner haben wir diesmal die kürzeste Anreise. Doch die Gladbacher Andrea und Frank, die Düsseldorfer Ute und Hans Gerd, die Marburger Marion und Detlev sitzen schon mit Thilo aus Bielefeld und dem ersten Getränk in der Sitzgruppe neben der Rezeption, als wir ankommen. Begrüßungsspektakel, Zimmer beziehen. Schon wenig später nehmen wir im schicken, modernen Anbau an einer langen Tafel Platz. Hier serviert Thomas Schanz seine mit einem Michelin-Stern gekrönte Küche.

Schon die Amuse gueules aus dem Meer sind eine Wucht: Die bretonische Felsenauster mit Lavendel schmeckt denjenigen unter uns, die die rohen Muscheln sonst für ekligen Glibber halten. Bei der Ceviche von der Stabmuschel gibt’s ohnehin keinerlei Vorbehalte und der Tartar vom Schwertfisch ergänzt sich ganz wunderbar mit dem grasgrünen Gurkensud. Mmmmhhhh, so kann es weitergehen. Und das tut es auch: Nachdem die Küche ausgiebige und großzügige Grüße geschickt hat, kommen wir zu dem ersten unserer vier Gänge auf der Karte, die Organisator Hans Gerd für uns vorausgewählt hat. Bei der großen Gruppe war das so vom Restaurant gewünscht.

Köstliche: Getrüffelte Seezungen Pochette auf Petersilienrisotto mit Pfifferlingen und grünem Spargel.

Der Riesling-Sekt aus dem Weingut von Vater Schanz wird abgelöst von einem 2011er Riesling aus dem Weingut Bernhard Eifel aus dem nahen Trittenheim, den der nette und lockere Sommelier empfiehlt. Die klassische Moselrebsorte kommt vom Schweicher Annaberg, wo sie laut Etikett auf rotem Schiefer wächst. Ein Wein, der allen am Tisch schmeckt und die Jakobsmuscheln auf asiatischem Gemüse schön begleitet. Ein Höhepunkt: die getrüffelte Seezunge auf Petersilienrisotto mit Pfifferlingen und grünem Spargel. Dazu gibt es im Glas ein Großes Gewächs aus dem Kestener Paulinshof aus dem Jahrgang 2011. Mir gefällt es, dass es bis dahin von Fisch und Meeresgetier nur so wimmelt. Trotz der winterlichen Außentemperaturen eine Symphonie aus dem Meer.

Hirschrücken unter der Rosinenkruste mit Wirsingroulade, Mandelpüree, Hagebutte und Cranberry-Pfeffersauce.

Beim Hauptgang wird dann alles anders: Auf dem Teller liegt jahreszeitlich angepasster Eifeler Hirsch unter einer Rosinenkruste. Dazu tischt Schanz Wirsingroulade, Mandelpüree und Cranberry-Pfeffersauce auf. Ein netter Kick dazu: die Hagebutte, die als säuerlich-fruchtige Creme auf dem Püree thront. Und wenn wir schon vom Meer in den winterlichen Wald wechseln, dann verlassen wir auch gleich beim Wein die Mosel und auch noch das Land und trinken klassischen Burgunder. Der 2006er Beaune Les Epenottes von Louis Boillot passt gut zu Hirsch und den weihnachtlich-fruchtigen Aromen des Hauptgangs, zu dem die vom Freitagsstau gebeutelten Münchener Silke und Volker gerade noch zu recht kommen.

Eine Schnecke ziert das Parfait von der Zwetschge, daneben das gebackene Praliné.

Mit einem edelsüßen Riesling (2003er Wehlener Sonnenuhr Auslese aus dem Weingut J.J. Prüm) und einem Nougatgateau, gebackenem Praliné und Parfait von der Zwetschge findet zumindest der in der Karte gelistete Teil des Menüs seinen Abschluss. Fein war es und einen weiteren Besuch wert. Über den Rest des Abends, an dem der nette Service einen munteren, die Ereignisse des vergangenen Jahres austauschenden Freundeskreis über eine Restaurant-typische Sperrstunde hinaus ertragen und nicht nur mit Kaffee, Schnäpsen und Petite Fours, sondern auch mit manchem After-Dinner-Bier versorgt haben, breiten wir das Mäntelchen des Schweigens. Soviel nur noch: Es war ein Fest, an dem es wenig auszusetzen gibt. Allenfalls eines: Den exzellenten Koch, den hätten wir gerne noch kennengelernt, bevor wir uns im Hotel seiner Eltern in die Kissen kuschelten.

Rauhreif überzieht die Landschaft: Das richtige Wetter für eine Wanderung in den Weinbergen.

Am nächsten Morgen liegt Rauhreif über den Steilhängen, Nebelfetzen hängen an den Kuppen fest, dazwischen taucht die Sonne die Kristalle in ein Glitzern. Das richtige Wetter für eine kleine Wanderung durch die Weinberge und am Flussufer entlang. „Goldtröpfchen“ heißt eine der Spitzenlagen im Steilhang gegenüber des Ortes. Ein Name, der sich in die blumigen Lagenbeschreibungen an der Mosel einreiht, von Kröver Nacktarsch bis zur Trittenheimer Apotheke. Und wenn einem gar nichts anderes einfällt, wird eine Sonnenuhr in den Weinberg gebaut, schon steht die Lagenbezeichnung fest. Was das Goldtröpchen angeht, bereiten wir uns aber in der frischen, kalten Luft zugleich auf das Abendprogramm des heutigen Tages und den Kern des Wochenendes vor: die Weinprobe. Diesmal geht es zum Weingut Hoffmann-Simon in Piesport. Für Ute und Hans Gerd, die Organisatoren der diesjährigen Tour, sind Winzer Dieter Hoffmann und seine Frau Andrea alte Bekannte. Die Winzersfrau und Hans Gerd haben gemeinsam promoviert.

Ganz schön knorrig: der Rebstock hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel.

Schöne Blicke auf die Mosel und Piesport, mit Eiskristallen verzierte Rebstöcke und Gräser und einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Bernkastel-Kues später stehen wir mit einem Glas Riesling-Sekt brut in der Hand in dem großen Probierraum des aus dem 16. Jahrhundert stammenden Hauses, das die Winzerfamilie gekauft und liebevoll saniert hat. Am Nachmittag ist auch noch Thilos Frau Amdrea als letzte Nachzüglerin zu uns gestoßen. Wir sind komplett, es kann losgehen. Und die Weinliste, die Dieter für die Probe zusammengestellt hat, kann sich genauso sehen lassen, wie der uralte Gewölbekeller des Hauses: Zwölf Weine hat er ausgesucht. Darunter mehrere Paare, die wir parallel verkosten sollen, um die Geschmacksunterschiede herauszuschmecken, die durch verschiedene Böden hervorgerufen werden, sich in verschiedenen Jahrgängen oder verschiedenen Qualitätsstufen ergeben.

Prosit: Mit einem Glas Riesling-Sekt stoßen wir an und lassen die Weinrobe festlich beginnen.

Los geht es mit dem Blauschiefer trocken, einem frischen, mineralischen Riesling, Jahrgang 2011. Ein leichter Wein für viele Gelegenheiten, der vielen schmeckt. Wir trinken uns durch die Klüsserather Bruderschaft und die Piesporter Günterslay. Für mich eher verzichtbar: die Rotweine von der Mosel. Regent und Dornfelder treffen als Rebsorten nicht meinen Geschmack, Spätburgunder schmeckt an der Ahr und anderswo einfach besser. Spannend dagegen: Wie viel Unterschied auf der Zunge zwei Gramm Unterschied Restzucker hervorrufen können, auch wenn beide Weine gleichermaßen als feinherb gelten. Ein interessantes Experiment auch die beiden gereiften Auslesen aus der Laurentiuslay, zwischen denen vier Jahre Altersunterschied liegen. Der 1998er hat laut Winzer eine lange Phase gehabt, in denen er schwer genießbare Petroltöne entwickelt hatte, wie sie bei gereifteren

Winzer Dieter Hoffmann steht am Kopf des Tisches und erläutert seine Weine.

Rieslingen vorkommen können. Doch seit diesem Jahr schmeckt er wieder nach Rieslingfrucht und erstaunlich frisch, sein Alter ist ihm kaum anzumerken. Der vier Jahre ältere Riesling dagegen erinnert an saftigen Apfelkuchen. Und Winzersfrau Andrea findet, dass der auch gut dazu schmeckt. Am Ende ein Durchmarsch durch das 2011er „Piesporter Goldtröpfchen“, vom Kabinett über die Spät- bis zur Beerenauslese, die in gebrauchten Barrique-Fässern gelegen hat. Sie ersetzt ohne Mühe ein Dessert oder begleitet es. Peter fehlt die rieslingtypische Säure, die sonst gerade auf den oft schiefrigen Böden an de Mosel recht ausgeprägt ist und gerade bei den Süßweinen einen Kontrapunkt setzt. Unter anderem eine Sache des

Das Wohnhaus der Winzerfamilie Hoffmann-Simon ziert das Etikett der Weine.

Jahrgangs, wie Dieter Hoffmann erklärt. Gerade in den Herbstmonaten sei es sehr warm gewesen: „Wir haben im T-Shirt gelesen.“ Entsprechend enthalte der Jahrgang weniger Säure als andere. Aber auch generell sei er bemüht, den Säuregehalt des Rieslings zu bändigen. „Ich bin kein Säurefetischist“, sagt Dieter. Von seinen Weinen solle man eben auch mal eine Flasche trinken können, „ohne Beschwerden zu haben“. Was wir am nächsten Morgen bestätigen können.

 

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