Abgefahren auf Abstellgleis

Der Speisewagen schließt sich direkt an die Lok an.

Ein alter Trabi zeigt Zähne, daneben das riesige Dampfross, das das Schnauben längst aufgegeben hat. Das einzige was hier noch qualmt, ist der Abzug aus der Küche. Der Ville-Express auf seinem Abstellglas völlig abgefahren. Wer hier essen geht, nimmt zum Beispiel im Zweite-Klasse-Abteil eines ausrangierten Waggons Platz und verspeist seinen Flammkuchen auf dem Ausklapptablett am Fenster. Draußen hängt ein halbes Motorrad am Laternenmast. Wer’s erleben will, löst seine Fahrkarte nach Erftstadt.

Die Lok trägt die Bezeichnung 50 3559-7 (50 1486) und stammt aus dem Jahr 1940. Bis zu 80 Stundenkilometer brachte sie zu Lebzeiten auf die Schiene. Heute steht sie, gerade frisch gestrichen, völlig still auf dem Abstellgleise hinter Liblar. Doch hinten oder im Biergarten vor dem Eingang ist Leben in der Bude. Wer etwa an all dem herrlichen Nippes – der Chef scheint einfach alles zu sammeln – rund die Theke vorbeischreitet, um im Salonwagen Platz zu nehmen, erinnert sich schnell an Bahnfahrten, wie es sie vor ein paar Jahren noch gab.

Zu sechst passen die Gäste ins Abteil, das mit abgewetzten grünen Stoffsitzen ausgestattet ist. Die Fenster lassen sich an den zwei Griffen nach unten schieben, wenn´s zu stickig wird. Im Gepäcknetz liegen Gesellschaftsspiele, daneben stapeln sich Dutzende Ausgaben der Zeitschrift Hobby aus den 60er Jahren. Wer drin blättert, erfährt wie der Otto-Motor funktioniert und erhält Tipps, wie man sein Auto tunen kann. Dann ist da noch der Artikel über einen Schreibmaschinenkünstler, der allein durch Tippen des kleinen „m“ Bilder schreibt. So hat er zum Beispiel die Mona Lisa in Schwarzweiß auf A4-Papier geklappert.

Die Zeit von der Bestellung bis zum Essen vergeht so wie im Flug. Doch wo sollen die vollen Teller hin, wenn´s nicht mal Tische gibt, die sich unter ihnen biegen könnten? Die Gäste am Fenster können die kleinen Bahntische ausklappen. Der Rest muss sich mit einer Art Bank in der Abteilmitte begnügen. Aber irgendwie passen die Bratkartoffeln mit Speckstreifen, Spiegeleiern und Rucola-Salat dann doch aufs schmale Brett. Die Ofenkartoffel mit Spinat und Schafskäse auch. Flammkuchen, Fisch, Steaks und vieles mehr verlassen auf Bestellung den seitlich angedockten Küchenwagen auf dem Nebengleis. Solides Essen ohne Schnickschnack, preiswert. Da zählt vor allem das Erlebnis. Wer es weniger rustikal will, nimmt seinen gedeckten Tisch in der ersten Klasse.

Doch ein Manko gibt es am Ende doch: Der Zug will halt einfach nicht losfahren. Macht aber nichts.

Homepage des Ville-Express

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